Die Udaka-kai Europa Tournee: Dresden & Berlin

Dresden

Im Schauspielhaus Dresden beim Vorlesen der Botschaften der Bürgermeister von Hiroshima und Nagasaki

Nach den im Vergleich gemütlichen Tagen in Paris, sind wir über Frankfurt nach Dresden geflogen für einen langen Abend mit Aufführungen von Han-Nô (nur der zweiten Akt) „Funabenkei“ und „Inori (Gebet)“ ein originelles Stück geschrieben von Meister UDAKA Michishige. Am nächsten Tag ging es am Morgen nach Berlin für Aufführungen von „Aoi-no-Ue“ am gleichen Abend und von „Inori“ am Abend darauf. Die Reaktion im deutschen Publikum war wie erwartet anders als die in Paris, aber was ich nicht gewusst und nicht erwartet habe war daß sogar innerhalb Deutschland die Reaktionen in Dresden und Berlin ganz unterschiedlich waren.

Am Abend nach der Ankunft in Dresden, führte Meister Udaka einige von uns jungen Leuten der Udaka-kai Truppe aus zum Abendessen. Auf dem Weg vom Hotel in eine Gegend des Restaurants, gingen wir genau in der sechsten Stunde an der Kreuzkirche vorbei. Die Glocken klingelten nur so klar in die stille kalte Luft der Nacht hinein, daß wir alle in einer Reihe der Kirche gegenüber still standen um sie mit ganzer Seele zuzuhören. So standen wir ohne vom Ort uns zu bewegen Augen geschlossen wenigstens zehn Minuten biss uns klar war die Glocken würden lange nicht aufhören und wir uns in der Kälte auf die Suche eines warmen Abendessens machten.

Am nächsten Tag waren wir mit Meister Udaka auch an der Frauenkirche, im Fürstengang, und im Schloßhof. Überall in Dresden konnten wir die im Weltkrieg ausgerichteten Schaden sehen, entweder in den unterschiedlichen Farben des neuen und alten Gesteins im Wiederaufbau oder in den offenen Wiesen in Stadtmitte. Dresdens Geschichte des Grauens zieht sich wie eine unleugbare Narbe durch die Stadt. Ein tiefes Verständnis des Unglücks herrscht in ihren Einwohnern und dieser Verstand war auch im Publikum am 11. November im Schauspielhaus Dresden. Die Stille als ich die zwei Botschaftsbriefe der Oberbürgermeister von Hiroshima und Nagasaki vorlas und der darauf folgende Applaus erteilten das tiefe Mitleid der Zuschauer.

Im Gegenteil in Berlin, die Stadt des Schauspiels, am RBB Haus des Rundfunks spürte ich während meiner Vorlesung die starke Kritik. Wenn ich mich nicht täuschte lachte jemand in meiner Nähe als ich beim Vorlesen der Briefe einen winzigen Fehler der Aussprache machte. Oder die Person fühlte sich unwohl wegen den Inhalt der Botschaft. Obwohl die Deutschen seit Jahrzehnten sich mit ihrer Rolle im Weltkrieg beschäftigen und sogar den jungen Generationen ihr schlechtes Gewissen überliefern, scheinen die Japaner ohne Schuldgefühle ihrer Kriegsverbrechen sich im Gegenteil als Opfer der ersten Atombombenangriffe darzustellen. So meinten einige Zuschauer die sich beschwerten. Ich kann sie auch sehr gut verstehen weil ich als Deutsche überhaupt gleicher Meinung bin, nur ist das Thema vom „Inori“ etwas genereller und bedeutungsvoller und hat deshalb ihren Wert auch in Deutschland.

Wir in der Udaka-kai hätten diese Reaktion im Voraus erwarten und die Einleitung vor dem Stück diesen Leuten anpassen sollen. Aber würden die Zuschauer einmal ins Programm schauen um sich über die Inspiration des Stückes zu informieren, hätten sie wahrscheinlich die Bedeutung der Aufführung besser verstehen können. Auf der ersten Seite steht von Meister Udaka:

31 Jahre ist es her, dass mir bei einem Besuch in Hiroshima die nach Erlösung suchenden Geister der Toten von 1945 deutlich vor Augen traten. Dieses merkwürdige Erlebnis inspirierte mich, ein neues Nô-Stück zu schreiben. . . Die Jahre vergingen, und als sich dann am 11. September 2001 der Terrorakt in New York ereignete, bei dem auf einen Schlag so viele Menschen ihr Leben verloren, musste ich sogleich an die Seelen der Opfer denken. Ich überarbeitete mein Stück . . . und brachte es in Japan mehrfach zur Aufführung.

In der Erläuterung des Stückes „Inori“ auf Seite 30 schrieb Meister Udaka:

Als ich mir. . . erste Gedanken über das Projekt eines neuen Nô-Spiels machte, hatte ich den Traum, eines Tages dieses Stück als einem Eckpfeiler des Friedens sowohl in Japan wie im Ausland zu inszenieren. . . Ich wünsche mir dass es in der Zukunft einmal möglich sein wird. . . auch im Ausland an solchen Orten wie Three Mile Island in Pennsylvania (USA) oder in Tschernobyl (Ukraine), wo Leben durch atomare Unfälle, Atombomben-Tests u.a. zerstört oder nachhaltig geschädigt worden ist [aufzuführen]. Meine Hoffnung ist, dass durch solche Aufführungen in Japan und im Ausland nicht nur die Seelen derjenigen, die ihr Leben verloren, getröstet und befriedet werden, sondern die einzigartigen Mittel des Nô-Theaters, das 2001 von der UNESCO in die „Liste der Meisterwerke traditioneller Weltkulturen“ aufgenommen wurde, dazu einzusetzen, um sich mit den ewigen Themen der Menschen aller Völker der Welt zu beschäftigen: mit der Heiligkeit und Würde allen Lebens und aller Seelen sowie der Anerkennung des Wunsches und der Notwendigkeit, mit allem Leben auf der Erde in Harmonie zusammen zu existieren.

Was Meister Udaka damit sagen will ist nämlich daß „Inori“ sich nicht mit Schuld beschäftigen will, sondern mit den Auswirkungen auf den Opfern atomarischer Angriffe und radioaktiver Niederschläge sowohl auch mit sonstige unbeteiligte Opfer der Massengewalt. Als er das Stück geschrieben hat suchte er in langen Stunden der Meditation die Gefühle solcher Seelen und den Ort wo sie sich nach den Angriffen befinden. Wie im Stück erklärt wird entdeckte er sie in der Welt der Toten, weil sie wegen dem Schock der Gewalt nicht durch Wiedergeburt zurück auf dieser Welt oder in die Welt der Erlösung kommen konnten. Die Bedeutung des Titels „Inori (Gebet)“ betrifft diese Seelen die in einer schrecklichen Umgebung leiden müssen weil sie nicht verstehen können was ihnen geschehen ist. Nur durch Gebet können diese vergessene Seelen in eine bessere Welt kommen. Deshalb wird das Stück „Inori“ für ein doppeltes Publikum vorgeführt, für die Lebenden die mit Ticket in den Saal kommen und für die durch Krieg und Gewalt Verstorbenen der Region.

Es ist schade daß das deutsche Publikum in Berlin den Inhalt von „Inori“ nicht verstehen konnte. Dennoch unterschieden sich die Deutschen von den Parisern indem sie sich offensichtlich vorher über Nô erkundigt hatten und während den Aufführungen konzentrierter zuschauten. Aber um Nô verstehen zu können muß mann nicht nur mit dem Kopf sehen können sondern auch mit der Seele um die Bedeutung der subtilen Nuancen des Gesangs und der Bewegungen wahrnehmen zu können. Hoffentlich wird irgend wann Meister Udaka wieder in Deutschland vor einem Publikum der nicht nur mit starker Interesse sondern auch mit offenen Herzen zuschaut auftreten können um seine einmalige Einsicht in die Kunst des Nôs auch Deutschen überliefern zu können.

One thought on “Die Udaka-kai Europa Tournee: Dresden & Berlin

  1. I see you don’t necessarily update here too often. Even so, it’s very neat stuff, and beautiful photos. May I add you to my blogroll?

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